Johann Wolfgang von Goethe

Der Fischer (1778)

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,

ein Fischer saß daran,

sah nach dem Angel ruhevoll,

kühl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,

teilt sich die Flut empor;

aus dem bewegten Wasser rauscht

ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:

Was lockst du meine Brut

mit Menschenwitz und Menschenlist

hinauf in Todesglut?

Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist

so wohlig auf dem Grund,

du stiegst herunter, wie du bist,

und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,

der Mond sich nicht im Meer?

Kehrt wellenatmend ihr Gesicht

nicht doppelt schöner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht,

das feuchtverklärte Blau?

Lockt dich dein eigen Angesicht

nicht her in ew'gen Tau?

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,

netzt' ihm den nackten Fuß

sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,

wie bei der Liebsten Gruß.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;

da war's um ihn geschehn:

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

und ward nicht mehr gesehn.

Epilog (nicht von Goethe)

Wenn du mal wieder fischen willst

und Lust auf Fischlein hast,

bedenke, wie ́s dem Fischer ging,

er hat jetzt seine Last.

Sein Fischlein lässt ihn nicht mehr los

er kommt da nicht mehr raus,

und ist die Lust auch noch so groß -

gefischt wird nur zu Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frederik Leighton: The Fisherman and the Syren, 1856 - 1858